Stress: Jetzt wird er zum Feind (2)

Im letzten Artikel habe ich versucht aufzuklären, was das Mysterium „Stress“ eigentlich ist und was er ursprünglich für eine Funktion hatte. Nun hinterlässt das Wort Stress trotzdem sofort bei uns ein negatives Gefühl. Warum ist das so?
Was passiert, dass der Stress, evolutionär gesehen eigentlich eine der großartigsten Erfindungen, jetzt für uns zum Feind wird?

 

Warum wird Stress negativ?

Die Welt ist schnell – viel schneller als noch vor einigen Jahrzehnten. Dieses Phänomen lässt sich sehr gut an Hand der Technik beobachten: Kaum ist ein neues Gerät auf dem Markt, ist es doch eigentlich auch schon veraltet.
In dieser schnellen Welt ist der Mensch jeden Tag aufs Neue sehr vielen Reizen ausgesetzt. So natürlich auch Stressoren, die eine Stressreaktion triggern. Sei es Überforderung auf der Arbeit, in der Uni oder in der Schule, Perfektionismus – alles muss immer 110% haben, das Gefühl keine Zeit zu haben, man hetzt von einem Termin zum anderen: Arbeit, Familie, Wohnung, soziale Kontakte etc. und für eigene Hobbies und Entspannung bleibt da nur noch sehr wenig Zeit. Stress vorprogrammiert!
Das ist der Knackpunkt! Sobald wir unserem Körper nicht mehr die Zeit geben, sich von der Stressreaktion, die ja immer öfter einsetzt, zu erholen, wird der Stress negativ – eigentlich ganz logisch, oder?.
Da wir diesen Stress eigentlich tagtäglich durchleben, bleibt er uns viel besser im Gedächtnis und wir assoziieren ihn mit negativen Gefühlen.
Die Phasen des negativen Stress‘, des sogenannten Disstress‘, verdeutlichen das Ganze noch einmal ganz gut.

 

Pathologischer Stress – Phasen des negativen Stressverlaufs

  1. Orientierungsphase: Stressor wird wahrgenommen
  1. Aktivierungsphase: Adrenalinausschüttung und Leistungssteigerung
  1. Anpassungsphase: Körper hat auf Auslöser regiert, ist angepasst -> Adrenalin geht                                                                   zurück, Leistungsfähigkeit bleibt

Diese drei Phasen laufen auch beim positiven Stress ab. Was danach kommt ist allerdings entscheidend.

  1. Erholungsphase: Rest and Digest, Leistungsfähigkeit nimmt ab, Ressourcen werden erneuert, Verdauung wird angeregt

Nach der vollbrachten Anstrengung, gönnen wir unserem Körper keine Erholung.

  1. Überforderungsphase: Wir setzen uns weiterhin der Stresssituation aus; unsere Ressourcen sind eigentlich schon verbraucht und müssten aufgefüllt werden, aber diese Pause zur Erholung gönnen wir unserem Körper nicht. Bewältigt werden will diese Situation jetzt trotzdem, sodass der Körper noch mehr Ressourcen So können wir ganz kurzfristig unsere Leistung noch weiter steigern. Allerdings droht hier schon die Gefahr der Erschöpfung, wenn wir uns nicht bald erholen.
  1. Erschöpfungsphase: Jetzt sind wirklich alle Ressourcen, die wir entbehren können, aufgebraucht und wir können nicht mehr! Der Körper fährt seinen    Organismus auf ein Minimum herunter und es kommt zu einem starken Leistungseinbruch, da der Stress nun nicht mehr kompensiert werden kann.

 

Auswirkungen des Disstress

Stress mobilisiert Energie, damit wir früher in der Lage waren zu Fliehen oder zu Kämpfen. Beide Optionen sind mit einer körperlichen Aktivität verbunden, die die Energie auf die eine oder andere Art „verbrauchen“. Unsere heutigen Stresssituationen lassen sich allerdings meist nicht auf diese Weise lösen. Die Energie muss aber irgendwo hin, sodass sich unser Körper permanent in einem Anspannungszustand befindet. Dies geht natürlich nicht spurlos an uns vorbei.
Wie sich dabei dann der Stress genau auswirkt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, da er sich auf so gut wie jedes Organ auswirken kann.

Hier sind ein paar Beispiele wie sich Anfänge von Dauerstess äußern können:

  • typische Muskelverspannungen und Schmerzen
  • geschwächtes Immunsystem
  • Müdigkeit und Schlafprobleme
  • Rastlosigkeit
  • Entscheidungsschwierigkeiten
  • unbegründete Angst
  • Grübeln
  • hoher Blutdruck
  • Bauchschmerzen oder Übelkeit und damit Durchfall oder Verstopfungen
  • Kopf- und Rückenschmerzen
  • Gereiztheit
  • Zyklusstörungen
  • Konzentrationsschwierigkeiten

Kommt euch davon etwas bekannt vor? Mir schon.
Ich finde man kann das ganz leicht abtun oder kleinreden: Ach die paar Verspannungen; als ob meine Rückenschmerzen jetzt vom Stress kommen; natürlich bin ich mal gereizt, aber das ist doch normal!; Als ob das jetzt alles so schlimm ist, lass sie mal reden. Fakenews! (Entschuldigt das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen :D)
Aber Stress ist schon ein mächtiges Instrument, das man wirklich nicht unterschätzen sollte.
Beispiel gefällig?

 
November 2017 bis Januar 2018 habe ich mein zweites Pflegepraktikum gemacht. Man braucht insgesamt drei Monate Praktika im Krankenhaus für das Medizinstudium. Das Krankenhaus war in Braunschweig. Von meinem kleinen Heimatkaff eine ganz schön lange Pendelei, vor allem, wenn man um 6 Uhr anfangen muss und die Verbindung morgens um 5 Uhr naja weniger toll ist. Deswegen habe ich für diese Zeit quasi bei meinem Freund in Braunschweig gewohnt.
Zu Beginn des Praktikums war ich auch noch ziemlich gut im Training, sodass meine Woche wie folgt aussah: 5 Uhr aufstehen, 6-14Uhr arbeiten, Zug um 15:30 bis 16:30 nach Hause, dann zum Pferd, dann zum Training und dann um 21 Uhr wieder nach Braunschweig, dann noch was Essen und es war Ruckzuck 22:30 und geschlafen habe ich dann (wenn es ein guter Tag war) so um 23 Uhr, damit ich am nächsten Tag wieder um 5 Uhr aufstehen kann.
Jaaaaaa also fast keine freie Minute zum Durchatmen, den ganzen Tag getaktet, beim Training an die Grenzen gehen und viel zu wenig Schlaf. Ihr könnt euch vorstellen, wie lange das gut ging.
Ich war den ganzen Tag müde, konnte nichts mehr richtig genießen, beim Training lief auch nichts mehr und beim Pferd war ich auch nie richtig angekommen.
Dann wurde mir des Öfteren beim Training immer mal kurz schwummerig, aber warum weniger machen. Den einen Abend dann ging nicht mehr, ich war daheim und mir wurde leicht schwarz vor Augen, schwindelig und ich hatte Ohrensausen. Als ich dann mal auf Verdacht den Blutdruck gemessen hatte, zeigte mir das Gerät 230/130 mmHg an (normal wäre 120/80).Danach raffte mich eine Erkältung hin und die habe ich wirklich lange mit mir rumgeschleppt!
Wegen des Blutdrucks war ich natürlich beim Arzt, Blutwerte angeguckt, Blutdruck länger überwacht, Herz nach gucken lassen. Nichts – gesünder als ich, konnte man zu dem Zeitpunkt nicht sein. Also abgesehen von der Erkältung.
Ich habe dann alles runter geschraubt. Trainieren konnte ich ja sowieso nicht. Die Erkältung ließ das nicht zu.
Ich habe meinen Stress dann reduziert. Nur am Wochenende zum Pferd, trainieren erstmal ganz sein gelassen und zack – seit dem hatte ich nie wieder Probleme mit meinem Blutdruck!
Meine Hausärztin misst ihn jedes Mal und wir freuen uns auch jedes Mal einen Keks, dass er total super ist!

Also lernt aus meinen Fehlern! Ich habe es auf jeden Fall getan. Manchmal muss eben der Mann mit dem Hammer kommen, damit man etwas einsieht. Die Anzeichen für Dauerstress, die ich oben aufgezählt habe, sind nämlich nur der Anfang. Wenn ihr nicht handelt kann es nämlich deutlich schlimmer kommen.

  • Der mobilisierte Zucker und das Fett im Blut, damit wir rasch Energie gewinnen können, kann sich in den Gefäßen festsetzten. Arteriosklerose nennt sich das. Die ist wiederum ein Risiko für einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Lungenembolie.
  • gestörter Zyklus à Impotenz und Unfruchtbarkeit
  • Der Zucker im Blut kann auch zu Diabetes führen.
  • Außerdem wirkt sich der Stress auch auf die Psyche aus. Depressionen, Stimmungsschwankungen, psychische Störungen, „Burn-Out“ können die Folge sein.
  • Die Sinneswahrnehmung der Ohren kann kurzfristig versagen und es kommt zum Hörsturz und ein Ohr ist taub. Kein Scherz, ich habe in Braunschweig auf der HNO-Station gearbeitet, ich habe Menschen mit Hörsturz wegen Stress gesehen.
  • Die Bauchschmerzen können zu Geschwüren im Magen-Darm-Trakt werden.

 

Ich möchte euch damit keine Angst machen, sondern nur die Augen öffnen. Stress kann gefährlicher sein, als man im Allgemeinen so denkt. Also bitte achtet auf euren Körper und tut etwas gegen den Stress. Wie man mit bestehendem Stress umgehen kann und mit welchen kleinen Tricks ihr ihm auch vorbeugen könnt, erzähle ich euch im nächsten Artikel.

Liebe Grüße,

Michelle

 

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