Sport und Persönlichkeit (2) – Selektions- und Sozialisationshypothese

Nachdem nun ein bisschen klarer ist, was eigentlich Persönlichkeit bedeutet, bzw. wie sie sich durch das Big 5 Modell beschreiben lässt, möchte ich heute auf zwei wichtige praxisrelevante Hypothesen hinweisen, die die Persönlichkeit mit dem Sporttreiben verbinden.

  1. Selektionshypothese

Die Selektionshypothese stützt sich auf die Aussage, die auch Eyseneck vertritt. Die entwickelten Persönlichkeitsmerkmale seien relativ stabil verankert. Dabei werden äußere Umwelteinflüsse, die nach Gordon W. Allport im dynamischen Zusammenhang zur Persönlichkeit stehen, nicht berücksichtigt.
Es ergäben sich so bestimmte Persönlichkeitsmuster, die entweder hinderlich oder förderlich für Sport sind. Die Hypothese sagt also, dass nur Menschen mit einer bestimmten Kombination von Persönlichkeitsmerkmalen überhaupt einen Weg zum Sport finden bzw. dabei bleiben und erfolgreich sind. Demnach müssten alle leistungsorientierten Sportler und die Einstieger eine ähnliche Persönlichkeit aufweisen. Dies ist im Sinne einer Talentsuche zu verstehen. Entweder du hast die Persönlichkeitsmerkmale, die man benötigt, um in dieser konkreten Sportart Erfolg zu haben oder eben nicht. Denn natürlich wirken sich Erfolge direkt oder indirekt auf die Motivation beim Training am Ball zu bleiben.

 

  1. Sozialisationshypothese

Im augenscheinlichen kompletten Gegensatz steht dazu die Sozialisationshypothese. Auch hier ist klar, dass die Persönlichkeitsmerkmale relativ  stabil sind, sie aber in ständiger Wechselwirkung zu ihrer Umwelt stehen. Hier ist also eine Persönlichkeitsentwicklung möglich, sogar erforderlich. Denn auch die Sozialisationshypothese geht davon aus, dass jede Sportart ein bestimmtes Persönlichkeitsmuster des Athleten für ein erfolgreiches Dabeibleiben erfordert. Einsteiger und Profis müssen demnach keine ähnliche Persönlichkeit haben. Profis werden aber nur die Menschen, die bereit sind, ihre Persönlichkeit zu verändern und sich an den Sport anzupassen, sodass sich eben unter den Leistungssportlern doch eine ähnliche Persönlichkeit finden lässt. Es findet also eine Talentförderung statt. Wer den Entwicklungs- und Anpassungsprozess allerdings nicht durchläuft, könne in dieser Sportart keinen Erfolg haben.

 

Meiner Meinung nach haben beide Hypothesen eine gewisse Existenzberechtigung und ergänzen sich eher, als dass sie sich an komplett unterschiedlichen Uferseiten positionieren. Am Ende gehen nämlich beide Hypothesen davon aus, dass es sportartspezifisch ein Persönlichkeitsmuster gibt, dass die Athleten, die sich in diesem Muster wiederfinden lassen, erfolgreich in dieser Sportart sein können. Der Weg dahin ist nur leicht ein anderer. Die Sozialisationshypothese gibt keinerlei Auskunft wie denn die zu fördernden Personen überhaupt zu dieser Sportart gekommen sind. Ich finde, dass einem schon ein gewisses Grundpersönlichkeitsmusterpotential (wooaaa langes Wort, grade mal so erfunden :D) gegeben bzw. sich schon entwickelt, anerzogen (?) sein muss. Ansonsten finden einfach gewisse Menschen einfach nicht zum Sport. Sie hören nicht auf, weil sie nicht Erfolg haben, sondern weil sie vielleicht schon von vorneherein einfach kein Interesse daran haben Sport zu treiben. Woran ja auch nichts verkehrt ist.
Diese Annahme eines Grundpersönlichkeitsmusterpotentials mache ich daher, dass, ich weiß nicht was für Erfahrungen ihr da so gemacht habt, aber dass sich Sportler in einer Gemeinschaft untereinander deutlich besser arrangieren können, als mit „Nichtsportlern“. Der Gemeinschaftszusammenhalt, der selbst bei Individualsportarten wie Leichtathletik auftreten kann (zumindest ist es bei uns im Verein so), ist einfach viel ausgeprägter, da man sich ja mit Personen mit ähnlichem Persönlichkeitsgrundmuster umgibt. Natürlich gibt es extrem viele unterschiedliche Typen auch in unserer Sportgemeinschaft, aber trotzdem ist ein gewisses Grundverständnis gegeben. Wie zum Beispiel um das Wissen der Gefühle in bestimmten Situationen. Sei es vor/bei anstrengenden Läufen, verpatzen Wettkämpfen mit Wut auf sich selbst und Enttäuschung, Motivation, gewisse Angstfaktoren etc. So hatte auch unser Sporttheoriekurs in der Oberstufe eine deutlich angenehmere Atmosphäre als andere Kurse. Zwar kamen wir wirklich auch vielen verschiedenen Sportarten: über Teamsportarten wie Fußball, Basketball, Handball über Schwimmen und Leichtathletik. Jede Sportart an sich hat ja wieder ein speziell gefordertes Persönlichkeitsmuster auch wieder. So würde ich mich niemals nie reizen Handball oder Fußball zu spielen! Diese Persönlichkeitsmerkmale habe ich einfach nicht.
Demzufolge muss man, meiner Meinung nach nicht von Anfang an ein überragendes Talent für die auserwählte Sportart mitbringen. Sonst fänden wir ja nur  extrem leistungsorientierte Sportler überall. Talent jetzt im Sinne eines am Ende gewünschten Persönlichkeitsmusters. Aber natürlich beeinflusst die direkte Umwelt beim Training auch die Persönlichkeitsentwicklung. Findet man im Sport Freunde? Wie ist das Klima in einer Trainingsgruppe? Wie verhält sich der Trainer? Trainiert man überwiegend alleine? Und und und.

 

Passt eure Sportart zu eurem Persönlichkeitsprofil? Das könnt ihr ja ganz einfach testen, indem ihr für die Sportart ein Persönlichkeitsprofil erstellt und guckt, ob ihr mit diesen Eigenschaften übereinstimmt. Bei mir passt das Laufen, im Bezug auf Leichtathletik, eigentlich wie die Faust aufs Auge. Total faszinierend finde ich, weil man sich ja beim Beginn mit einer Sportart nicht vorher Gedanken macht: „Oh habe ich denn das richtige Persönlichkeitsprofil für die Sportart??“ 😀
Nächste Woche wird es wahrscheinlich um die schon angesprochene Persönlichkeitsentwicklung durch Sport gehen.

Ich wünsche euch noch eine schöne Restwoche!

 

Liebe Grüße,

Michelle

 

Weiterführende Links:

Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung
Zusammenahng zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen und den Spielpositionen im Unihockey

Das könnte dich auch interessieren:

Wie trainiere ich richtig?
Ziele richtig setzten
Mein Abenddehnzirkel – Teil 1

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s